Ihr Lieben, heute schreibt uns Lilli, wie es ihr und den Kindern nach der Trennung im Nestmodell geht, was schwierig war und was gut funktioniert: Ich bin Lilli, 34 Jahre alt, Sozialwissenschaftlerin und Mutter von zwei Kindern: meine Tochter ist neun, mein Sohn fünf Jahre alt. Seit der Trennung vom Vater meiner Kinder leben wir im sogenannten Nestmodell.
Das bedeutet: Die Kinder bleiben in der gemeinsamen Wohnung – in ihrem vertrauten Zuhause. Wir als Eltern ziehen im Wechsel ein und aus. Während der „Nestpausen“ wohnen wir jeweils in kleinen Einzimmerwohnungen. Auf meinem Instagramkanal @lilli.brichtauf schreibe ich seit Kurzem über das Leben im Nestmodell, feministische Elternschaft und darüber, wie wir mit Umbrüchen im Leben umgehen können. Heute möchte ich aber erst einmal hier im Blog Einblicke in unser Leben geben.
Trennung – dieser schwierige Moment dazwischen

Die schwierigste Phase war die, in der klar wurde: Etwas geht zu Ende, aber ich habe noch keine Idee, wie es weitergehen kann. Johannes – der Vater meiner Kinder (ich mag das Wort Ex nicht, es klingt irgendwie negativ) – und ich waren 14 Jahre lang ein Paar.
Wir kamen zusammen, da war ich gerade Mal 20, frisch nach Düsseldorf gezogen, voller Neugier und Vorfreude auf mein Studium und auf den neuen Lebensabschnitt. Was uns verband, war von Anfang an ein ähnlicher Blick auf die Welt, unser Humor, unsere Offenheit, unser Wunsch, Dinge gemeinsam zu gestalten.
Unser Beziehungsanfang war nicht von dramatischer Verliebtheit geprägt – eher von einem tiefen Vertrauen, das sich fast anfühlte, als würden wir uns schon lange kennen. Während des Masterstudiums haben wir gemeinsam entschieden, Eltern zu werden. Von Anfang an war klar: Wir wollen Elternschaft gleichberechtigt leben. Betreuung, Elternzeit, Care-Arbeit – wir haben sie sowohl bei unserer Tochter, als auch bei unserem Sohn, der 3,5 Jahre später zur Welt kam, so gleichmäßig wie möglich aufgeteilt.
Dann kam das Leben. Mit voller Wucht.
Die berühmte Rushhour des Lebens schlug zu: zwei Kinder, Einstieg ins Berufsleben, der jahrelange Aufbau eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts – in dem sich heute auch unser Nest befindet. Corona. Dazu ein großer Verlust in meinem familiären Umfeld. Mir wurde alles zu viel.
Die Zeiten zu viert wurden zunehmend unruhig und die Dynamik anstrengend, da wir als Eltern unterschiedliche Prioritäten legen in der Gestaltung des Alltags. Ich fühlte mich ausgelaugt, mein Körper zeigte mir den Dauerstress und was mich am traurigsten machte: Ich war nicht mehr mit mir als Mutter zufrieden. Ich war emotional nicht mehr so präsent, wie es mein eigener Anspruch war und ist.
Die Trennung war von meiner Seite vielleicht weniger eine Entscheidung gegen Johannes, als eine Entscheidung für mich. Es gab keinen Rosenkrieg, keinen Betrug, keine großen Verletzungen. Aber es kostete unglaublich viel Mut, mich aus dieser Beziehung zu lösen, die mir so lange Sicherheit und Geborgenheit gegeben hat.
Die Entscheidung für das Nestmodell

Neben dem Ende unserer Beziehung als Paar stand für uns natürlich schnell die Frage im Raum: Wie wollen wir als Familie weiterleben? Wie finden wir ein Modell, das zu uns passt – und bei dem die Kinder möglichst wenig leiden? Weil wir Elternschaft schon immer gleichberechtigt gelebt haben, war für uns klar: Die Betreuung soll auch weiterhin 50/50 aufgeteilt sein. Die Entscheidung für das Nestmodell fiel ohne große Diskussion – aus zwei Gründen:
Erstens: Unser Zuhause befindet sich in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt, das wir über Jahre mit aufgebaut haben. Hier leben ca. 50 Erwachsene und 40 Kinder. Es ist ein „Dorf in der Stadt“, in dem unsere Kinder groß werden können. Wir sehen jeden Tag, wie schön die Kinder miteinander aufwachsen und wie sehr es unseren Alltag erleichtert, eine Nachbarschaft zu haben, in der man sich kennt und unterstützt.
Und zweitens: Warum sollten unsere Kinder zusätzlich zu unserer Trennung auch noch den Wechsel zwischen zwei Welten meistern müssen? Es erschien uns nur fair, dass wir das Hin und Her übernehmen. Natürlich war klar, dass wir rechnen müssen – und dass dieses Modell, ähnlich wie das Wechselmodell, eine finanziell privilegierte Option ist. Aber ebenso klar war: Um es leben zu können, verzichten wir in anderen Bereichen auf große Sprünge.
Leben im Nest – ein ausgeklügeltes System
Das Nestmodell bedeutet: Wir führen abwechselnd einen gemeinsamen Haushalt. Das verlangt viel Kommunikation. Inzwischen haben wir ein fein abgestimmtes System entwickelt, wie wir unser Familienleben organisieren. Wir haben uns für ein 2- bzw. 5-Tage-Wechselintervall entschieden. Die Wochentage teilen wir fest auf (Montag–Mittwoch bzw. Mittwoch–Freitag), das Wochenende hängt abwechselnd dran. Einmal wöchentlich telefonieren wir fest, um die anstehende Woche zu besprechen und alles zu klären, was rund um Kinder und Nesthaushalt anfällt.
Gerade zu Beginn haben wir uns viel Zeit genommen, unsere neue Familiensituation strukturiert zu besprechen. Wir nutzen digitale Listen, um Aufgaben zuzuordnen, Themen zu sammeln und Nachvollziehbarkeit zu schaffen. Auch unsere Online-Kommunikation haben wir bewusst aufgeteilt in verschiedene Chatkanäle – organisatorische Absprachen, Kommunikation mit den Kindern (inkl. Fotos) und einfach persönliche Kommunikation zwischen Lilli und Johannes (unabhängig vom Elternteam) werden unterteilt, damit sich die Ebenen nicht zu sehr vermischen.
Das Wichtigste – und was ich wirklich jeder Familie im Nestmodell ans Herz legen würde – ist die klare Übergabe der Wohnung. Wir haben eine Checkliste entwickelt, die bei der Nestübergabe abgehakt werden muss: Kinder gebadet, Nägel geschnitten, Müll rausgebracht, Kühlschrank sortiert, Blumen gegossen, Küchenanrichte freigeräumt usw…
Auch für die Einkäufe haben wir ein System: Jede*r kauft für die eigene Nestzeit selbst ein. Vor dem Wechsel wird in einer Liste dokumentiert, welche Grundnahrungsmittel fehlen – so kann der andere beim Wiederkommen ggf. noch kurz einkaufen. Ja, das wirkt auf manche vielleicht fast schon etwas pedantisch organisiert. Aber für uns bedeutet es vor allem eins: Respekt und Wertschätzung füreinander. Wir möchten dem anderen ein Zuhause übergeben, in dem er oder sie vor allem erstmal eins tun kann: Sich freuen, die Kinder wiederzusehen.
Familie sein bleibt – wenn auch anders

Natürlich ist nicht alles leicht. Es gibt Tage, da wünscht man sich, nicht ständig zwischen zwei Welten pendeln zu müssen, denn das zieht wirklich Energie. Und manchmal wäre es für den Ablösungsprozess auf der Paarebene leichter, nicht mehr ganz so räumlich und organisatorisch verbunden zu sein. Bislang haben wir keine neuen Partner*innen, das wird sicher auch nochmal eine neue Herausforderung.
Das, was sich für mich seit der Trennung aber positiv verändert hat: In den Zeiten, in denen ich bei meinen Kindern bin, bin ich wieder zufriedener mit mir als Mutter. Ich habe eine schöne Beziehung zu meinen Kindern. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, gestalte ich unsere Zeit, so wie es zu mir und uns passt.
Ich erlebe und gestalte sie bewusster, vielleicht ein bisschen vergleichbar mit einer Fernbeziehung. Die Zeit alleine kann ich manchmal bewusst für mich nutzen und genießen, aber sie fällt mir auch nicht immer leicht und der Gedanke, so viel Zeit ihres Lebens zu verpassen, ist schmerzhaft.
Unsere Trennung war ein Einschnitt – aber kein Bruch mit unserer Geschichte. Es ist vielmehr eine neue Form, Eltern zu sein. Nicht als Paar, aber als Team. Und vielleicht sogar als Freunde. Nicht immer perfekt, aber mit ehrlicher Wertschätzung füreinander und bei allen Unterschiedlichkeiten und Herausforderungen verbindet uns das wichtigste Ziel miteinander: Als Eltern für unsere Kinder ein Nest zu gestalten, das sich nach einem stabilen Zuhause anfühlt.





















