Häusliche Gewalt: „Ich hab überlebt, aber es hat mich gebrochen“

häusliche Gewalt

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Ihr Lieben, 265.942 Menschen in Deutschland wurden 2024 Opfer häuslicher Gewalt (so viele wie noch nie!), davon sind über 70 Prozent weiblich. Jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt; etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder durch ihren früheren Partner.

Das sind die Fakten, hinter denen immer eine persönliche Leidensgeschichte steht. Solltet ihr gerade häusliche Gewalt erleben, so möchten wir euch das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ans Herz legen. Unter 116 016 bekommt ihr rund um die Uhr kostenlos und auch anonym Hilfe. Unsere Leserin Patricia lebte viele Jahre in einer gewaltvollen Ehe, hat Schreckliches erlebt und ist seit Januar endlich geschieden. Uns hat sie ihre Geschichte erzählt.

Liebe Patricia, du hast dich damals Hals über Kopf in deinen Ex-Mann verliebt. Nimm uns doch mal mit zurück in diese Zeit…

Ich habe am 1. Januar in einer neuen Firma angefangen – und dort habe ich ihn auch kennengelernt. Anfang März sind wir das erste Mal miteinander ausgegangen, und zack – nach diesem einen Abend war es um mich geschehen.

Es war nicht nur Verliebtheit. Es war das Gefühl, angekommen zu sein. Ich dachte: „Bei ihm darf ich mich endlich anlehnen. In seinen Armen bin ich sicher.“ Das war vielleicht das Allerschlimmste im Rückblick – dass ich wirklich geglaubt habe, bei ihm beschützt zu sein.

Im Juni kam der Heiratsantrag, im Oktober war die Hochzeit. Es ging alles sehr schnell, ja – aber ich dachte damals, es ginge so schnell, weil es passte, nicht, weil es irgendeinem Muster folgte. Heute sehe ich das anders.

Was hat dich an ihm fasziniert?

Ich dachte, ich verliebe mich in einen Mann, der zupackt. Er erzählte, er habe mit seiner Ex ein Haus saniert, segle regelmäßig – da dachte ich: ein wetterfester, robuster Typ, einer mit Verstand, Humor und Tatkraft. Jemand, mit dem man auf ein Dorffest gehen kann oder schick essen. Er sagte sogar mal: „Das eine tun, ohne das andere zu lassen.“ Und ich dachte: Wow. Ein Mann für alles. Witzig und intelligent, Currywurst und Cuisine.

Aber so war er gar nicht….

Ja, weit gefehlt. Anpacken war nicht seins – das merkte ich spätestens, als wir selbst ein Haus kauften. Segeln? Ja, bei Windstille. Sobald ein Lüftchen wehte: „Ohh, ich friere… hast du ’ne Decke? Mein Pulli?“
Der wettergegerbte Seglertyp entpuppte sich als Schönwettermann.

Schönwetter im Leben, Schönwetter in der Verantwortung. Fürs „So tun als ob“ war er brillant – aber wehe, es ging um echte Entscheidungen, um Alltag, um Kompromisse. Ich hatte mich in ein Bild verliebt. Nicht in den Mann, der wirklich dahinterstand.

Doch dann hat sich etwas ganz Gravierendes verändert, es fand häusliche Gewalt statt.

Ja und die Veränderung kam nicht schleichend, sie kam mit einem Knall. Er hat mir eine gescheuert. Einfach so. Danach ist er zum Sport gegangen, als wäre nichts gewesen. Ich war fassungslos, hab eine Freundin angerufen und gesagt: „Ich glaub, der spinnt.“ Als er wiederkam, sprach ich ihn darauf an – und er? Hat es einfach abgestritten. „Hab ich nicht.“

Aber ich hab’s nicht nur gespürt – ich wusste es. Das war der Moment, wo sich etwas verschoben hat.
Nicht weil ich sofort gegangen bin – ich bin geblieben. Weil er ja auch wieder liebevoll war. Weil ich dachte, das war ein Ausrutscher. Weil ich geglaubt habe, das sei nicht seine „wahre Seite“. Aber diese Seite kam wieder.

Wie genau?

Die Abwertung, die Schuldumkehr, das Gaslighting. Ich sagte: „Wir haben ein Kommunikationsproblem.“ Er sagte: „Nein, du hast eins.“ Ich nannte Blau – er brachte mir Gelb. Ich zog allein nach Norddeutschland, weil wir es so besprochen hatten – und er unterschrieb in Jena. Ohne Rücksprache. „Du kommst halt nach Jena.“ Er hat Entscheidungen getroffen, als wäre ich nicht seine Ehefrau, sondern ein Koffer, den man einfach mitnimmt.

Ich verdiente über 100.000 Euro, kam freitags um 21 Uhr nach Hause – und er hatte nicht mal die Waschmaschine ausgeräumt. Kein Einkauf, kein Putzen, nichts. Stattdessen: „Mach du.“
Ich hatte keine Zeit mehr für mich. Keine Freude. Kein Leben mehr, wie es mal war. Und keine Stimme. Denn wenn ich was sagte – gab es auf die Fresse.

Das heißt, er wurde mehrfach handgreiflich…

Ich wurde geschlagen. Getreten. Mir wurden Finger gebrochen. Er hat mir Knochen gebrochen.
Und wenn ich versucht habe, mich zu wehren, hat er mich gefilmt – mich vor anderen als psychisch krank dargestellt. Er wollte mich einweisen lassen.

Das war sein System: Verunsichern, Schuld umdrehen, Kontrolle, Lügen, Gaslighting. Er hat mich betrogen. Mich allein gelassen mit Haus und Kredit. Und ich? Ich habe einfach nur versucht zu überleben.

Am schlimmsten war, dass ich irgendwann aufgehört habe zu lachen. Ich, die früher bis zum Bauchweh lachen konnte. Er sagte: „Bäh, bist du albern.“ Und seitdem ist das Lachen in mir verstummt. Heute lache ich manchmal – aber es ist nicht mehr meins. Es ist nur die Maske für draußen.
Er hat alles in Frage gestellt: Meine Wahrnehmung, meine Erinnerung, mein Wesen. Und am Ende sagte er den Satz, der mich zermalmt hat: „Das habe ich nie gesagt. Und wenn doch, dann habe ich es nicht so gemeint.“

Was war eine typische Situation, in der er ausgerastet ist?

Typisch? Das klingt fast so, als gäbe es ein klares Muster – aber die Wahrheit ist: Es reichte oft schon, dass ich ein Bedürfnis hatte. Nicht mal etwas gefordert habe, nur den Wunsch nach etwas geäußert: Ruhe, Gleichberechtigung, Mithelfen im Haushalt. Ganz normale Dinge. Wenn ich gesagt habe: „Ich wünsche mir, dass du auch mal einkaufst“ – war das schon zu viel.

Ich kam aus einer Beziehung, in der beide gearbeitet und den Haushalt gemeinsam geschmissen haben. Ich kannte das anders. Bei uns damals hieß es: Du kochst, ich mähe – okay. Aber hier? Ich habe gekocht und Rasen gemäht, und wenn ich gesagt habe, er solle helfen, war das bereits ein Angriff für ihn.
Oder wenn ich ihn auf seine Verantwortung hingewiesen habe, dass er etwas versprochen und sich nicht daran gehalten hatte.

Einmal zum Beispiel – unsere Tochter war noch ganz klein – hat er ihr so am Ohr gezogen, dass es abstand. Ich sagte fassungslos: „Sag mal, hast du sie noch alle?!“ – und zack, bekam ich eine geschmiert. Ein anderes Mal stand er mit heißem Fett in der Küche, wollte ihr zeigen, wie man Pfannkuchen macht. Ich warnte ihn: „Pass doch auf, das ist gefährlich!“ Er brüllte nur: „Ich weiß, was ich mache!“ – und natürlich verbrannte sie sich.

Aber anstatt sich bei ihr zu entschuldigen, ließ er sie stehen, ging an mir vorbei, und schlug mir ins Gesicht. Dann verschwand er beleidigt auf seinen Sessel – ich habe das Kind verarztet. Wer sonst?
Abends sprach ich ihn ruhig darauf an. Das war die Nacht, in der meine Beinscheibe brach.
Solche Situationen gab es viele.

Ich durfte nicht widersprechen, nicht widersprechen vor anderen und nicht für mich selbst einstehen. Und jedes Mal, wenn ich es trotzdem tat – sei es durch Worte oder durch Weinen oder durch pure Erschöpfung – wurde ich bestraft. Mit Schweigen. Mit Demütigung. Mit Gewalt.

Wie haben dich all diese schlimmen Erlebnisse verändert?

Ich glaube, das Schlimmste ist: Mein Lachen ist weg. Diese echte Freude. Diese Vorfreude. Dieses kindliche Sich-Freuen-Können. Ich lächle noch. Klar. Ich funktioniere auch. Aber dieses echte, tiefe Fühlen – das ist tot.
Ich bin wie ein Mensch, der weiterläuft, obwohl er innerlich längst aufgehört hat. Ich denke manchmal: „Ich funktioniere jetzt noch bis sie 18 ist – und dann kann ich eigentlich sterben.“ Das ist kein Hilferuf. Das ist eine Bilanz.

Es gibt Momente, da könnte alles stimmen. Aber es kommt nicht mehr bei mir an. Es prallt ab, alles prallt ab. Wie Regentropfen an einer Glasscheibe. Früher konnte ich lachen, lieben, trauern – mit allem, was ich hatte. Ich war echt. Voll. Bunt. Heute bin ich stumpf. Selbst auf dem Ed Sheeran Konzert – es war schön, keine Frage. Aber ich spürte: „Es geht nicht so tief, wie es könnte.“ Die Musik war da, die Stimmung war da – aber ich war nicht ganz da. Und ich weiß, dass das seine Spuren sind. Dass da etwas kaputt gegangen ist, das sich nicht einfach reparieren lässt.

Wie lange hast du das ertragen – und wie hast du dich getrennt?

2004 haben wir geheiratet und 2019 hat es dann geendet. Ich war emotional längst nicht mehr erreichbar, zu oft hatte er mich betrogen, misshandelt, enttäuscht. Dann wurde er krank und ich sagte ihm: „Wenn du dich nicht benimmst, fliegst du raus – krank oder nicht.“
Es funktionierte. Für einen Moment. Dann stand er vor unserem Kind und sagte voller Pathos: „Papa kündigt jetzt seinen Job. Ich will endlich ein richtiger Vater sein. Ich will bei euch bleiben.“

Und ich wusste, das nächste Drama beginnt. Wieder. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit dem Thema narzisstische Gewalt auseinandergesetzt. Ich habe viel gelesen, mit Psycholog:innen gesprochen und mich in Gruppen bewegt, in denen Frauen über ihre Erfahrungen mit toxischen Beziehungen sprechen.
Dabei habe ich viele Muster wiedererkannt – und verstanden, dass ich leider nicht allein bin mit dem, was ich erlebt habe. Dadurch wusste ich, dass er sich niemals ändern wird und dass ich das alles nicht länger ertragen kann. Ich blieb ruhig, suchte mir eine Anwältin. Das war der Moment, in dem ich nicht mehr zurückging.

Seit wann seid ihr geschieden und wie geht es dir seitdem?

Rechtskräftig geschieden sind wir seit Januar 2025. Und wie es mir geht? Ich weiß es nicht. Es ist so eine Leere. Er fehlt – oder besser: die Idee, die ich mal von uns hatte. Ich lebe, ich überlebe. Aber in mir drin ist es still. Die jahrelange Folter hat so viel Leben gekostet – und der Scheidungskrieg hat den Rest erledigt.

Ich dachte, ich würde mich irgendwann freuen, wenn ich gewonnen habe. Aber ich habe es einfach nur zur Kenntnis genommen. Ich muss weitermachen. Ich habe das Kind. Während er sich um nichts kümmert – außer um sich selbst.

Und ja, ich bin auch wütend. Der Egoist hat in einem Punkt gesiegt: Ich wollte früher so sehr, dass er sich mal kümmert. Aber er ist ein verantwortungsloser, egoistischer Lebemann geblieben – ein narzisstischer Selbstdarsteller, der niemanden außer sich sieht.

Ich habe überlebt. Das haben viele nicht geschafft. Und ja – die Scheidung habe ich gewonnen. Ich habe mein Leben komplett umgebaut, mich beruflich neu aufgestellt. Ich habe früher BWL und europäisches Wirtschaftsrecht studiert und mich nach der Trennung bewusst ins Betreuungsrecht eingearbeitet – auch, um für mein Kind besser da sein zu können.

Die Kombination aus Struktur, Verantwortung und Lebensnähe hat mir in dieser Zeit Halt gegeben. Und das juristische Denken – klar, logisch, sachlich – war mein Rettungsring im Chaos. Das hat mich durchgebracht. Ich versorge mein Kind alleine, habe mehr erreicht als viele andere. Aber ich bin daran zerbrochen

Was ist die größte Erleichterung, die du ohne ihn spürst?

Ich muss keine Angst mehr haben. Keine Angst, wer da gleich mit welcher Laune durch die Tür kommt. Keine Angst vor dem nächsten Tritt im Türrahmen. Früher habe ich das gar nicht bewusst gemerkt – erst nach der Trennung wurde mir klar, wie tief das in mir steckte. Wie oft ich automatisch stehen blieb, wenn jemand in der Nähe war.

Wie sehr mein Körper gelernt hatte, auf Abstand zu gehen. Es war nie Liebe, dieses Herzklopfen, wenn er von der Arbeit kam. Ich dachte früher, das wären Schmetterlinge. Lachhaft eigentlich. Es war Panik. Pure Panik. Die ist weg. Es kommt ja keiner mehr. Und genau das ist das Beste daran.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Wenn ich mir wirklich alles wünschen dürfte – dann würde ich mir wünschen, wieder etwas zu empfinden. Tiefe Freude. Tiefe Gefühle. So wie ich früher mal war. Und vielleicht auch mal Zeit für mich. Ich arbeite entweder bei der Arbeit, an meinem Haus oder für mein Kind. Es bleibt nichts übrig. Kein Raum. Kein Ich.

Aber ich bin Realistin. Es wird weitergehen wie bisher. Und irgendwann ist es vorbei. Dann gibt’s ein Ende. Ich hoffe nur, dass ich bis dahin durchhalte. Dass ich es finanziell schaffe. Dass ich mein Kind versorgen kann. Das ist schon fast alles.

„Neulich fragte mich meine Tochter: ‚Mama, was war das Schönste in deinem Leben?‘ – Ich sagte: ‚Du.‘
Und das Schlimmste? – ‚Deinen Vater kennengelernt zu haben.‘ Sie sah mich lange an und sagte nur: ‚Dann gäbe es das Schönste nicht ohne das Schlimmste.‘

Vielleicht ist das der ganze Punkt. Vielleicht bin ich trotz allem einfach… dankbar. Für meine Tochter. Für die Tatsache, dass ich noch hier bin. Ich habe zu lange geschwiegen, um meinen Namen jetzt zu verschweigen. Ich heiße Patricia. Und ich lebe weiter.



4 comments

  1. Liebe Patricia, ich glaube, dein Text über deine Erfahrungen wird ganz vielen anderen Frauen mit ähnlichen Situationen und Erfahrungen helfen, etwas zu ändern und vieles zu verstehen. Du hast sehr verständliche Worte gefunden.
    Und es tut mir schrecklich leid, was du erlebt hast. Wirklich. Wie stark du trotz allem bist. Ich wünsche dir sehr, dass du deine Freude und Gefühle wiederfindest. Irgendwie bin ich mir aber sicher, dass dir auch das gelingen wird. Dir ist schon so unglaublich viel gelungen.
    Liebe Grüße

  2. Liebe Patricia,

    vielen Dank, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast. Ich wünsche Dir und Deiner Tochter Kraft und Wärme für die Zukunft.
    Von Herzen alles Gute –
    Kirsche

  3. hi,
    mein tiefes beileid. Das ist ein sehr traumatisches Erlebnis und es ist gut, sass du da saus bist. Dein Lachen kann wiederkommen. Auf Youtube gibt es ein Video von Dami Charf in dem sie Traumata ausführlich erklärt. evtl hilft nicht die Gesprächstherapie sondern körpertherapie.

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