Ihr Lieben, vor ein paar Tagen habe ich über Freunde geschrieben, die man im Laufe seines Lebens verliert. Und dass auch manchmal Freundschaften dabei sind, von denen man gedacht hat, sie könnten alles überdauern. Manchmal lebt man sich auseinander, manchmal streitet man sich und manchmal verändern sich Menschen so gravierend, dass eine Freundschaft kaum mehr möglich ist. Genau das ist unserer Leserin Sonja passiert. Hier erzählt sie davon:
Einst beste Freunde, jetzt nicht mehr
Es gibt Menschen, die man trifft und bei denen es sofort klickt – nicht romantisch, sondern auf dieser besonderen Ebene, auf der man sich einfach versteht. Man lacht über dieselben Dinge, spricht dieselbe Sprache zwischen den Zeilen, denkt ähnlich schnell oder springt gemeinsam zwischen Themen hin und her, ohne sich erklären zu müssen. So war das mit Joscha.
Wir lernten uns im Urlaub kennen – ein Zufall, ein Glücksfall… Unsere Kinder waren etwa im gleichen Alter und wir unternahmen einiges zusammen. Aber es war mehr als das: Es gab eine Dynamik- sofort auf einer Wellenlänge, sofort mittendrin in Gesprächen, die andere vielleicht als “zu intensiv” bezeichnen würden. Für uns war es einfach genau richtig.
Ich hatte schon immer männliche Freunde – als Kind, in der Schule, später in der Uni. Abgesehen von ein paar Schwärmereien fand ich es wunderbar unkompliziert. Mit den Jahren wurde es allerdings schwieriger: Partnerschaften (und Eifersucht der Partnerin!) Wohnorte und berufliche Wege führten auseinander. Männliche Freunde hatten irgendwann kaum noch Platz in meinem Leben; meist waren es die Partner meiner Freundinnen, mit denen ich gelegentlich ins Gespräch kam – nett, aber nicht vergleichbar.
Mit Joscha war das anders. Wir verstanden uns einfach. Es war kumpelhaft, tiefgründig, humorvoll und komplett frei von romantischen Ambitionen – und auch mein Mann verstand sich gut mit ihm. Es fühlte sich einfach an wie ein lang vermisster Teil meiner Persönlichkeit, der endlich wieder Raum bekam. Wir verbrachten weitere Urlaube zusammen mit den Familien, führten Gespräche über Kinder, Musik, über das Leben, über das, was war und das, was vielleicht kommen könnte. Als er sich von seiner Ehefrau trennte, aus einer lange schon unglücklichen Beziehung ausbrach, war ich für ihn da – so wie man es für einen guten Freund eben ist.
Als Single begab er sich sofort auf die Suche nach einer neuen Partnerin, es folgten etliche Dates, über die ich nur noch sagte „ich komm nicht mehr mit- wer war das nochmal?“. Manches fand ich bedenklich, aber ich fand es auch unterhaltsam, was er aus dem Dating-Kosmos so berichtete.
Und dann kam Sibylle. Er wollte “nichts Ernstes”. Umso größer war meine Irritation, als er nur wenige Wochen später plötzlich von der großen Liebe sprach. Vom Zusammenziehen. Vom Neuanfang. Ich war irritiert, aber auch vorsichtig optimistisch. Vielleicht war es einfach diese Anfangseuphorie, dachte ich. Vielleicht tat es ihm gut.
Doch dann kam das Unbehagen. Erst subtil – Treffen wurden abgesagt, weniger Kontakt. Dann deutlicher: Er erzählte uns, dass kaum jemand aus seinem Freundeskreis Sibylle kannte. Sie zog trotzdem mit Sack und Pack bei ihm ein, samt Kind, gab ihre Wohnung und ihr altes Leben auf.
Es wurde plötzlich richtig unangenehm: In Gesprächen tauchten rechte Aussagen auf – erst unterschwellig, dann direkter. Joscha, der Mensch, den ich als offen, kritisch, differenziert kennengelernt hatte, sprach plötzlich über “Sympathien für rechte Positionen”. Ich war erschüttert. Und ehrlich gesagt: überfordert. Ich stalkte – ja, ich gebe es zu – Sibylles Profil. Und da war es schwarz auf weiß: rechtes Gedankengut, Symbole, Posts, die mir Angst machten. Ich sprach ihn darauf an. Vorsichtig. Fragend. Und er blockte nur ab.
Unsere Gespräche gab es von jetzt auf gleich nicht mehr. Und das Konzert, auf das wir uns monatelang gefreut hatten, fühlte sich an, als wären wir zwei Fremde in einem Raum voller Erinnerung.
Ich vermisse ihn. Ich vermisse diese ehrliche, unkomplizierte Verbindung. Und ich bin traurig, dass mit Sibylle eine Frau, die sich offenbar nicht nur zwischen uns, sondern zwischen ihn und viele andere schob, ihn so verändert hat bzw. dass er sich so verändern hat lassen. Vielleicht war es nicht nur sie. Vielleicht war da schon viel in Bewegung, das ich nicht sehen wollte.
Ich weiß nicht, ob wir je wieder befreundet sein können. Es gibt Überzeugungen, die für mich unüberwindbar sind – politische, menschliche, ethische. Und dennoch: Die Tür ist nicht zu. Sie ist angelehnt. Vielleicht, irgendwann, erinnert er sich an unsere Gespräche. An unsere Freundschaft. An das, was uns verbunden hat.
Und bis dahin trauere ich um diese Freundschaft und es fühlt sich an wie Liebeskummer. Aber ich bin auch dankbar. Dafür, dass ich erlebt habe, wie schön es sein kann, wenn zwei Menschen sich auf einer ganz besonderen Ebene finden – unabhängig von Geschlecht, von Beziehungsstatus, von gesellschaftlichen Erwartungen. Freundschaften mit Männern– sie sind möglich. Und sie sind wertvoll. Und manchmal, leider, zerbrechen sie an Dingen, die größer sind als wir selbst.






















5 comments
Um es erstmal klarzustellen:
Es gibt Ansichten und politische Meinungen, bei denen auch ich eine Grenze ziehe. Mit einem echten Nazi könnte ich beispielsweise niemals befreundet sein und da gibt es für mich auch nichts mehr zu reden. Allerdings brandmarke ich auch nicht jeden gleich als „Nazi“, der ein paar rechte Talking Points vertritt oder der mal einen gechmacklosen Witz gemacht hat.
Ein echter Rassist hätte es ohnehin in meinem Freundeskreis, der etwa zu 50% aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht, schwer.
Im vorliegenden Fall geht aus dem Artikel leider auch nicht hervor, welche Äußerungen tatsächlich gefallen sind, von daher kann ich mir über die konkrete Situation hier kein Urteil bilden.
Dennoch finde ich die heute um sich greifende Bildung von Echokammern, nicht nur auf Social Media, sondern auch im Privaten, ziemlich befremdlich.
Ich rechne Menschen von beiden Seiten des politischen Spektrums zu meinen Freunden und finde es auch bereichernd, mich mit Menschen zu unterhalten, die meine Meinung nicht teilen. Klar, bei meinen linken Freunden gelte ich halt als der „Quotenkonservative“ und bei eher rechtskonservativen Leuten in meinem Umfeld wurde ich schon im Scherz als „linke Socke“ bezeichnet. Da kann ich mit leben und finde es auch irgendwie lustig, denn manchmal macht es mir selbst einfach Spaß ein Bisschen anzuecken.
Meiner Ansicht nach fehlt vielen heute die Fähigkeit auch über die politischen Lager hinweg Freundschaften zu schließen. Dabei wäre das in einer Demokratie wichtig, um das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern.
Gerade in der Corona-Krise zeigte sich das sehr massiv. Da hatte ich Freunde, die zu absoluten „Querdenkern“ und Impfgegnern mutierten und andere, die Petitionen für „Zero Covid“ unterschrieben und strengere Corona-Maßnahmen gefordert haben. So viele haben damals die Brücken zu Menschen, die die jeweils gegenteilige Meinung hatten, abgebrochen. Ich nicht.
Und bei einem vielschichtigen Thema wie Migration kann und muss es in einer Demokratie verschiedene Ansichten geben.
Ich denke sogar, dass einer der Hauptgründe für den politischen Erfolg der Rechten ist, dass viele Linke zu empfindlich reagieren und schon bei kleinsten Übertretungen des vermeintlichen liberalmodernen Konsenses mit Canceln reagieren.
Am Ende gilt zumindest für mich der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ und eine Freundschaft, bei der man durch dick und dünn gegangen ist, lasse ich nicht für irgendwelche politischen Ansichten fahren. Ausnahme ist dabei allerdings das Eingangs gesagte.
Das wurde doch von der Verfasserin dieses Beitrags überhaupt nicht so geschildert. Es war ja nicht so, dass die Freundin einmal was gesagt hat und dann wurde sie „gecancelled“. Und einfach ist es auch nicht für sie. Sie schildert große Traurigkeit deswegen.
Zum Glück betrifft es mich nicht im selben Ausmaß. Das wäre sehr schlimm für mich, wenn meine „beste“ Freundin so abdriften würde. Aber erlebt habe ich Ähnliches mit einem befreundeten Ehepaar, die schon immer schillernd (habe ich damals zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter wichtig für die Freundschaft angesehen) unterwegs waren und in der Pandemie wegdrifteten. Bei allem Demokratieverständnis und Diskussionsfreudigkeit – aber dieses getriebene ständige Verkünden von rechtsextremen identitären Verschwörungsgeschwurbel z. B. als lautstarkes Tischgespräch an meinem Geburtstag, das hat dann gereicht. Ich möchte mir in meinem Haus, an meinem Tisch keine Sorgen darüber machen, wie das von anderen Gästen aufgenommen wird. Ich will nicht ständig solche Faschothemen aufgedrückt bekommen. Denn obwohl ich wirklich gerne diskutiere, habe ich auch andere Themen in meinem Leben, über die ich mich austausche. Und ich finde es gewaltvoll quer über den Tisch zu krähen, es gibt nur zwei biologische Geschlechter und was andres nicht, obwohl man nicht mal alle Anwesenden kennt und somit achselzuckend in Kauf nimmt, Anwesende borniert zu verletzen. Das war für mich der Zeitpunkt, die Beiden nicht mehr einzuladen. Ich denke manchmal daran und mache mir Sorgen, aber zu helfen gibt es da von meiner Seite nichts, denn die beiden haben keinen Leidensdruck. Im Gegenteil sie finden im gegenwärtigen politischen Klima sich in bester Gesellschaft. Reflexhaft wie Cancelkultur manchmal stattfindet, ist der Schrei der Rechtsextremen, für sich die demokratischen Rechte einzufordern, die sie dringend abschaffen möchten.
Ob es zwei oder mehr biologische Geschlechter gibt ist schlicht und einfach eine Definitionsfrage. Wenn man „biologisches Geschlecht“ anhand fortpflanzungsfähiger Gameten definiert, gibt es tatsächlich nur zwei. Wenn man es an den Geschlechtsorganen, Chromosomen oder hormonell definiert, wird es schwieriger, denn da gibt es Mischformen (z.B. intersexuelle Personen). Ob man diese allerdings als eigenständiges Geschlecht ansieht oder als Mischform zwischen nur zwei existierenden Geschlechtern ist eben auch wieder eine Definitionsfrage.
Aber wie auch immer man es definiert: Es ist nichts „gewaltvoll“ daran, seine Meinung zu einem biologischen Thema offen kundzutun und es hat auch niemand einen Anspruch darauf, dass man in seiner Gegenwart nichts sagt, was ihn vielleicht triggern könnte.
Wer wegen solche einer Petitesse eine gewachsene Freundschaft cancelt betreibt tatsächlich Cancelculture.
Kann das auch gut verstehen. Bei mir ist eine Freundschaft zerbrochen, als die Freundin während einer schweren psychischen Erkrankung gleichzeitig die Psychopharmaka und die Pille abgesetzt hat, auch, um sich einer beruflichen Dienstverpflichtung zu entziehen. Da war ich raus
Liebe Sonja, ich fühle mit dir. Auch ich habe eine Freundin wg plötzlich sehr unterschiedlich politischer Meinungen verloren, von der ich vorher gesagt hätte, sie wäre eine Seelenverwandte gewesen. Auch bei ihr war der Auslöser, aus meiner Perspektive, ein neuer Partner, der diese Sichtweisen mitbrachte und ich erkannte meine Freundin nicht wieder. Ich, und auch sie, hatte wirklich Liebeskummer, als wir merkten, dass wir nicht mehr offen miteinander reden können ohne uns in krasse Konflikte zu geraten. „Zum Glück“ ist sie vor einiger Zeit auch räumlich aus meinem Leben verschwunden. Ich habe leider keinen Weg gesehen, mit ihr nochmal locker und freundschaftlich in Kontakt zu bleiben, nach den Ansichten, von denen die sie damals plötzlich überzeugt war.
Ich bin immer noch traurig darüber, diese Freundschaft verloren zu haben, und vor allem macht es mich traurig, dass es scheinbar keinen Weg gibt, diesen Bruch zu kitten, weil so krass unterschiedliche Ansichten dahinter stecken. Selbst wenn sie plötzlich sagen würde, das war alles Quatsch, in mir ist ein Vertrauen zerbrochen, das sich nicht wiederherstellen lässt.
Ich bin deswegen so sauer auf die ganze rechte Bewegung, die Ängste schüren, und dadurch auch Menschen erreichen, die eigentlich ein gutes Herz haben, es nur nicht besser wissen.